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2. Saarländischer Fachärztetag am 08.03.2008 „Die fachärztliche Versorgung – eine Herausforderung für die Zukunft“ Vor ca. 110 versammelten Fachärzten und Gästen aus der Politik und den Krankenkassen eröffnete der Fortbildungsbeauftragte des Facharztforums Saar, Dr. Claus Mertz den 2. Saarländischen Fachärztetag im Festsaal des Saarbrücker Schlosses. Das Motto: „Die fachärztliche Versorgung – eine Herausforderung für die Zukunft“ soll die Bedrohungen der ambulanten fachärztlichen Versorgung aufzeigen, die von den aktuellen gesundheits-politischen und gesetzlichen Änderungen ausgehen. „Die Bedrohung soll aber auch als Herausforderung verstanden werden, wie sich künftig die Fachärzte positionieren sollten, um proaktiv und adäquat auf die veränderten kassenärztlichen Rahmenbedingungen zu reagieren. Denn nicht nur durch die politischen Bestrebungen aus Berlin, sondern auch aus Brüssel droht derzeit die Gefahr, dass durch eine schrittweise Strukturveränderung die wohnortnahe, fachärztliche Versorgung auf dem hohen Niveau wie bisher mit gleichzeitiger Möglichkeit der freien Arztwahl systematisch und unwiederbringlich zerstört wird“.
Der Ehrenvorsitzende und Gründer des Facharztforums, Dr. Hermann Riegel begrüßt die anwesenden Fachärzte, Gäste und Referenten des Fachärztetags und betont, dass die hohe Zahl der Besucher ein Ausdruck dafür ist, welch hohe existenzielle Bedeutung die gesundheitspolitischen Pläne und gesetzlichen Vorgaben für die Fachärzteschaft haben. Gesundheitsminister Josef Hecken, der in seiner Funktion als politischer „Macher und Entscheider“ mitten im Spannungsfeld der verschiedenen Interessenslagen und Zielsetzungen steht, „beobachtet mit Sorge, wie in anderen Bundesländern, aber noch nicht im Saarland, aus der Ärzteschaft heraus die Zerstörung des Systems der kollektiven ärztlichen Interessenswahrnehmung betrieben wird“. „Zuerst separieren sich Hausärzte, dann auch einzelne Facharztgruppen aufgrund von egoistischen Partikularinteressen“. „Die übrigen Ärzte, die kein besonderes Erpressungs-potential in der ärztlichen Versorgung zu bieten haben, bleiben dabei auf der Strecke“. Minister Hecken appelliert an die Vernunft der Ärzte, nicht die eigene Standesvertretung der KV zu zerschlagen, denn „in einem enger werdenden Markt sind Kollektivverträge besser als Einzelverträge mit den Kassen“. Danach macht er Ausführungen zur EBM-Reform mit Morbi-RSA („Verlagerung des Morbiditätsrisiko zurück zu den Kassen“), der ambulanten ärztlichen Vergütung (+ 2.5 Mrd. Euro mehr im System), dem künftigen Gesundheitsfonds ab 2009 (evtl. weitere Konvergenzphase von 1-2 Jahren nötig, um Insolvenzen von Kassen zu vermeiden) sowie dem Modellversuch (nach § 63, Nr.8, SGB XI) der Koalition in Berlin, künftig an Kranken- und Altenpfleger sowie Physiotherapeuten ärztliche Tätigkeiten zu deligieren, „weil die „Doktores die unterbezahlte Arbeit draußen in der Fläche nicht mehr machen wollen oder aus dem Gesundheitssystem weglaufen“. Schließlich geht Minister Hecken auf seine mit Spannung erwartete Position zur geplanten Umsetzung des § 116 b, d.h. der Öffnung der Krankenhäuser für ambulante Versorgung bezüglich der Erbringung von spezialisierten Leistungen und Versorgung von definierten seltenen Erkrankungen bzw. solchen mit besonderen Verläufen ein. Sein Credo lautet: „Eine 2. Versorgungsebene neben dem ambulanten Bereich aufzubauen, macht weder betriebswirtschaftlich noch versorgungsmedizinisch einen Sinn, jedenfalls dann nicht, wenn dadurch weder Kosten eingespart werden noch die Versorgung der Kranken verbessert wird !“ Er werde die bisher vorliegenden Anträge der 10 saarländischen Krankenhäuser zu 73 Krankheitsbildern streng unter diesen Kriterien prüfen unter gleichzeitiger Berücksichtigung der vorhandenen ambulanten fachärztlichen Versorgungssituation und unter Einbeziehung der KVS, Kassen und der Betroffenen. Der Präsident der Ärztekammer, Sanitätsrat Dr. Franz Gadomski lässt nochmals die politischen und gesetzlichen Maßnahmen der letzten Jahre Revue passieren, die zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und Verunsicherung der Fachärzte beigetragen haben. Nach dem ersten seriösen wissenschaftlichen Gutachten des ISEG-Instituts in Berlin unter Mitwirkung von Prof. Rürup gibt es keine Belege für eine ambulante fachärztliche Überversorgung bzw. Kostentreibung durch die „doppelte Facharztschiene“. „Die Facharztdichte ist in Deutschland im internationalen Vergleich moderat“. Seine Forderung an die Politik lautet, das Gesundheitswesen nicht als gigantisches Experimentierfeld für ideologisch geprägte Versorgungskonzepte zu missbrauchen und den Preiswettbewerb als Allheilmittel zur Effizienzsteigerung anzupreisen. Ferner müssen die bürokratische Überfrachtung ärztlicher Berufsausübung entscheidend reduziert und die Rahmenbedingungen für die Niederlassung wieder attraktiv gemacht werden. Der 1. Vorsitzende des KVS, Dr. Gunter Hauptmann hinterfragt, was u.a. mit dem Begriff „Herausforderung“ gemeint sein könnte: der Fachärztemangel in den Kliniken und im niedergelass-enen Bereich, das „Märchen von der doppelten Facharztschiene“, die Unterfinanzierung, die drohende Rationierung, die Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung mit ungleichen Wettbewerbsvorteilen. Er wagt aufgrund der Weichenstellung in der Gesundheitsgesetzgebung die Prognose: „Wenn sich die Zielrichtung der Gesundheitspolitik nicht ändert, dann sitzen Sie hier in 10 Jahren nicht mehr als freiberufliche Ärzte, denn entweder sind Sie pleite oder arbeiten als angestellte Ärzte in Klinikstrukturen, wenn Sie nicht in der glücklichen Lage sind, sich bereits im Ruhestand zu befinden.“ Dr. Hauptmann dankt dem Facharztforum dafür, dass es diese tiefgreifenden Veränderungen bereits jetzt im Vorfeld mit Bedacht und gegenseitigem Respekt in der Öffentlichkeit diskutiert und nicht erst, wenn es zu spät ist. Die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer, Frau Ilse Rohr, konkretisiert die aktuelle Herausforderung für die fachärztliche und psychotherapeutische Versorgung im Saarland am Bild der derzeit anrollenden Welle der 5-10 tausend Arbeitslosen nach Ende des Saarbergbaus mit der jetzt zu erwartenden Notwendigkeit, den erhöhten medizinischen Betreuungsbedarf der betroffenen Bergleute zu bewältigen. „Wer sonst als der niedergelassene Arzt und/oder Psychotherapeut, der das Vertrauen seiner Patienten genießt, kann in einer geschützten Arzt-Patienten-Beziehung den Betroffenen jetzt draußen helfen, und zwar in Wohnortnähe ?“ Dr. Dirk Jesinghaus, 1. Vorsitzender des Facharztforums Saar, betont in seinem Bericht zur aktuellen Situation der ambulanten fachärztlichen Versorgung das hohe medizinische Versorgungsniveau in Deutschland mit wohnortnaher Betreuung und persönlicher Leistungserbringung bei freier Arztwahl und Zugangsmöglichkeit des Patienten. Zu Recht beneidet uns das Ausland um dieses Gesundheitssystem. „Angesichts dieser Sachlage ist es unverständlich, dass der Gesetzgeber im Rahmen der Gesundheitsreform mit dem § 116 b SGB V eine weitgehende Öffnung der Krankenhäuser ohne zwingende Berücksichtigung der Bedarfssituation beschloss. „Der im Gesetz benannte umfangreiche Katalog von Erkrankungen betrifft eine große Zahl von Patienten“. „Eine ungezielte Öffnung der Krankenhäuser würde zur Schließung von Facharztpraxen führen, diese Lücke wird dann nicht mehr ausgefüllt werden.“ Dr. Jesinghaus appelliert an die Politiker, bei den Öffnungsanträgen der Krankenhäuser nach § 116 b den tatsächlichen Bedarf und die bereits vorhandene Versorgungsstruktur zu berück-sichtigen, aber auch die Leistungsfähigkeit der hochspezialisierten Kliniken im Auge zu behalten, damit sie angesichts der Begrenztheit ihrer klinischen Facharzt-/Oberarztressourcen nicht durch eine unnötige Versorgung von großen ambulanten Patientenzahlen an falscher Stelle gebunden werden. Vielmehr sollte im regionalen Dialog durch den Ausbau der bereits gewachsenen Kooperationen zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken die „bedarfsgerechte, patientenorientierte Zusammenarbeit zwischen Hausarzt, Facharzt und Klinik“ weiter optimiert werden. Dr. Jesinghaus dankt Minister Hecken für seine Forderung an eine geeinte Ärzteschaft, seine positive Haltung zu den Kollektivverträgen und kritische und restriktive Einstellung zur geplanten regionalen Umsetzung des § 116 b im Saarland. Dr. Günter Danner, M.A., PhD und stellvertretender Direktor der Europavertretung der deutschen Sozialversicherungen in Brüssel, analysiert in seinem Festvortrag zum Thema: „Herausforderung Europa – nationale Reformgesetzgebung und EU-Binnenmarkt: Perspektiven für den Facharzt in Deutschland“ die derzeitigen gesundheitspolitischen Bestrebungen und Gefahren in Brüssel für die niedergelassenen Fachärzte in Deutschland im Rahmen der europäischen Harmonisierung und zeigt Perspektiven auf, wie sich die Fachärzte künftig den Herausforderungen stellen und erfolgreich positionieren sollten. Nach seiner Meinung hat die sog. Jahrhundertreform mit dem GKV-WSG-Gesetz nur eine Lebenszeit bis zur nächsten Legislaturperiode. Als erstklassischer Kenner der europäischen Gesundheitsszene und anhand eigener Erfahrungen mit der britischen und schwedischen Staatsmedizin (Rationierung und Wartelistenmedizin) zeigt er auf, welch hohes Gut das deutsche Gesundheitssystem darstellt und welche Spitzenposition es im internationalen Ranking einnimmt. Er moniert, dass auf der anderen Seite das deutsche Gesundheitssystem von den eigenen Politikern, den Kassen und Ärzten zu Unrecht schlecht und kaputt geredet wird. Dr. Danner ermutigt die Anwesenden, im partnerschaftlichem Miteinander an der Zukunft des deutschen Gesundheitssystem zu arbeiten, es weiter zu reformieren („Evolution anstatt Revolution“), damit auch in Zukunft der hohe Standard erhalten bzw. der Gesundheitsstandort Deutschland für das europäische Ausland attraktiv bleibt, da die Behandlungsgrenzen für Patienten innerhalb Europas künftig völlig wegfallen werden. Unter Moderation durch Herrn Peter Springborn, Saarländischer Rundfunk, werden im Anschluss im Round-table-Gespräch durch die Teilnehmer Minister Josef Hecken, Gastredner Dr. Günter Danner, Prof. Wolf-Ingo Steudel, Direktor der Neurochirurgischen Universitätsklinik Homburg, Bruno Krüger, Vorstand der AOK Saarland, Frau Barbara Tödte, unabhängige Patientenberatung Deutschland, Dr. Dirk Jesinghaus sowie durch Redebeiträge aus dem Auditorium die aktuell bedrohlichen Problemfelder und die Lösungsansätze für die Beibehaltung der fachärztlich-ambulanten Versorgung aus den verschiedenen Blickwinkeln der Akteure im Gesundheitswesen beleuchtet und vertieft. Prof. Dr. Harry Derouet, 2. Vorsitzender des Facharztforums Saar, fasst in seinem Schlusswort nochmals die Ziele des 2. Saarländischen Facharzttages zusammen, nämlich auf die existenzielle Bedrohung der unverzichtbaren ambulanten, wohnortnahen, fachärztlichen Versorgung hinzuweisen und „malt“ durch Zitate aus dem Zukunft-Szenario des Döllein-Dossiers (bayrischer Hausarzt und CSU-Abgeordneter) ein Bild der möglichen Zukunft des niedergelassenen Facharztes, wenn es denn doch zu einem unlimitierten Zugang der Krankenhäuser zu ambulant medizinischer Tätigkeit kommen sollte: „Nach systematischer Liquidierung zunächst des freiberuflichen Fach-, später auch des Hausarztes wird die ambulante Medizin ans Krankenhaus oder in assoziierte MVZs verlagert. Durch Übernahme der ambulanten Basismedizin geraten die Krankenhäuser nach Ausbleiben der Subventionen unausweichlich in ein finanzielles Defizit und werden dadurch zu Übernahme-Kanditaten von privaten Gesundheitskonzernen, die danach als Monopolisten auf dem Gesundheitsmarkt den Preis mit dem Ziel der Profitmaximierung diktieren werden. Saarbrücken, 08.03.08, Dr. Anton Hümpfner
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