18. Saarländischer Fachärztetag 2026 - 20.06.2026
18. Saarländischer Fachärztetag: Fachärzteschaft warnt vor massiven Folgen der geplanten GKV-Reformen
Rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung des Facharztforums Saar e. V. zum 18. Saarländischen Fachärztetag ins Saarrondo.
Unter dem Leitthema „GKV-Reformgesetze und Primärversorgung: Droht das Ende des niedergelassenen Facharztes?“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Medizin, Politik und Gesundheitswesen die tiefgreifenden Auswirkungen der geplanten Reformen auf die ambulante Versorgung.
Zum Auftakt begrüßte Gesundheitsminister Dr. Magnus Jung die Anwesenden. Er machte deutlich, dass die maßgeblichen gesundheitspolitischen Entscheidungen auf Bundesebene getroffen werden und die Einflussmöglichkeiten des Saarlandes entsprechend begrenzt seien.
Im ersten Programmteil präsentierten Expertinnen und Experten aus sieben medizinischen Fachrichtungen aktuelle diagnostische, operative und medikamentöse Innovationen.
Die Beiträge zeigten eindrucksvoll, wie sehr medizinischer Fortschritt die Patientenversorgung verbessert – zugleich aber auch deutlich macht, dass Innovationen nur mit einer verlässlichen Finanzierung dauerhaft möglich sind.
Erster Redner war Gregg Frost zum Update Onkologie:
Bispezifische Antikörper am Beispiel Amivantamab und Zanidatamab. Hervorzuheben sind das Erkennen der möglichen Nebenwirkungen, dem Zytokin- Release- Syndrom (CRS), und deren Therapie.
Zweiter Redner war unser 2. Vorsitzender im Facharztforum Dr.Jochen Frenzel.
Er beleuchtete die postpartale Depression und stellte eine neue Therapieoption vor. Ein Screening auf PPD mit einem validierten Instrument kann die Dauer und Schwere depressiver Symptome reduzieren. Zuranolon ist ein neuroaktives Steroid.
Es entfaltet möglicherweise eine antidepressive Wirkung durch die Verstärkung der GABAergen Hemmung.
Dr. Fatima Goudjil berichtete über die neuen Dyslipidämie-Leitlinien ESC 2025.
Sie stellte die LDL-C Behandlungsziele für die verschiedenen Risikokonstellationen vor. Auch die Bedeutung des LDL-Spiegels für die Demenzentwicklung wurde angemerkt.
Patrick Bialas stellte ein neues Schmerzmittel vor, das in Europa noch nicht zugelassen ist und kommt zum Fazit: Suzetrigin ist ein peripher wirkendes Analgetikum.
Die Phase-2-Daten lieferten einen plausiblen Wirksamkeitsnachweis in Akutschmerzmodellen. Für die Klinik entscheidend bleiben Phase-3-Daten, Vergleich zur Standardtherapie und längerfristige Sicherheit. Im zweiten Teil berichtet er von guten Erfolgen mit Cannabis bei chronischen Rückenschmerzen (Exilby Cannabisextrakt als ölige Lösung).
Dr. Wolfgang Mohl beschrieb ein eher unbekanntes Krankheitsbild, die EoE = eosinophile Ösophagitis. Patienten mit einer Nahrungsmittelallergie haben ein 9-fach höheres Risiko, eine EoE zu entwickeln. Ebenso selten, aber differentialdiagnostisch relevant sind IgG4-assoziierte Erkrankungen, die insbesondere intestinale Manifestationen zeigen.
EoE und IgG4-assoziierte Erkrankungen sind wichtige Erkrankungen, die zwar eher selten, aber sicher weit unterdiagnostiziert sind
•adäquate und rechtzeitige Diagnostik ist obligat, um schwere bleibende Schäden durch Erkrankung und deren OP zu vermeiden!
•Mittlerweile bestehen gute konventionelle und vor allem auch hochwirksame biologische Therapiekonzepte
Die Kosten der modernen Therapien sind extrem (Erhaltung Dupilumab ca. 37T, Inebilizumab 109T/Jahr).
Zum Abschluss dieses Blocks überraschte uns Prof. Dr. Gentiana Wenzel aus der HNO-Klinik Homburg mit ihrem Vortrag:
Die Stimulation des Ohres mit Licht. Die Hypothese lautete: Laserlicht ist die treibende Kraft für die Aktivierung des peripheren Hörsystems. Am UKS wurden Erstmalig die optoakustische Stimulation am Menschen durchgeführt und zeigte tolle Erfolge
Den berufspolitischen Schwerpunkt eröffnete der stellvertretende Vorsitzende des Facharztforums Saar, Dr. Jochen Frenzel.
Er kritisierte insbesondere das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, das aus seiner Sicht kein Reform-, sondern ein Spargesetz darstellt. Mit der Abkehr vom Bedarfsprinzip hin zu einer einnahmeorientierten Ausgabenpolitik drohten längere Wartezeiten auf ambulante Operationen und Vorsorgeuntersuchungen sowie Einschränkungen bei psychotherapeutischen Leistungen und der Krankenhausversorgung.
Besonders kritisch bewertete Frenzel die geplante Primärarztsteuerung. Haus- und Kinderärzte sollen künftig zusätzliche Steuerungsaufgaben übernehmen, gleichzeitig werde eine steigende Fallzahl gesetzlich sanktioniert. Dieses Konzept sei weder medizinisch noch gesundheitspolitisch nachvollziehbar. Zudem warnte er vor einem beschleunigten Verlust ganzer Generationen von Ärztinnen und Ärzten – vom medizinischen Nachwuchs über junge Fachkräfte bis hin zu erfahrenen Babyboomern kurz vor dem Ruhestand.
Als Konsequenz kündigte das Facharztforum an, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Reformen transparent darzustellen. Erwartet werde ein Umsatzrückgang von bis zu 20 Prozent. Gleichzeitig werde deutlich gemacht, dass die gesetzliche Krankenversicherung unter diesen Rahmenbedingungen künftig vielfach nur noch eine medizinische Grundversorgung gewährleisten könne.
Unmittelbar anschließend beleuchtet der Hauptredner Dr. Matthias SOYKA, Orthopäde, Unfallchirurg, Kolumnist des Ärztlichen Nachrichtendienstes und Buchautor die Thematik.
Mit dem Zitat der Ministerin Nina Warken „Jeder Bereich muss seinen Beitrag leisten bei dieser Reform“ leitet er seinen Vortrag ein und berichtet als Ergebnis seiner Recherche, dass den Kassenärzten rund 6,5 % Sparleistung abverlangt wird und den Krankenkassen gerade mal 0,76 %. Diesen Betrag sparen sie mühelos durch die Umstellung des Postversandweges auf den Emailversand ! Er fragt sich auch wieso Krankenkassenwerbung sowie Satzungs- und Ermessensleistungen weiterhin 1,8 Mrd. €/a sein dürfen. Die Gehaltssteigerungen sind bereits für 2027 vereinbart. In Hamburg liegen die Jahresbruttogehälter der Mitarbeiter der TK bei mehr als 72.000 €.
Dann richtet er den Blick auf die Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU, Simone Borchardt, die fast ihr ganzes Berufsleben für die Barmer gearbeitet hat. Daher ist verständlich, dass die Krankenkassen ungeschoren davon kommen.
Er beleuchtet sodann die sogenannten versicherungsfremden Leistungen, die eigentlich der Staat zu tragen hat. Es handelt sich um rund 60 Mrd. €, darunter steht der Staat allein für die Versicherungsbeiträge der Bürgergeldempfänger 12 Mrd. € in der Kreide.
Die Sparmaßnahmen werden laut SpiFa zum Wegfall von ca. 46 Mio. Facharztterminen führen.
Ebenso beuchtet er das geplante Notfallreformgesetz, stellt Fragen zum EDV-Primärversorgungssystem und der digitale Ersteinschätzung, fragt sich wo die freie Arztwahl bleibt und wer die Haftung bei nichtärztlichen Ersteinschätzern übernimmt.
In seinem Ausblick fordert er:
Ohne zufriedene und motivierte Leistungsträger ist das Gesundheitswesen nicht zu retten. Ärzte, Psychotherapeuten, MFA, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und andere Leistungsträger gut bezahlen und gut behandeln!
vlnr: Dr.Bastian: Vorstand Facharztforum Saar, Patrick Unverricht: MASFG, Dr.Strauß: Vorsitzender Facharztforum Saar, Dr. Soyka: Orthopäde, Kolumnist,
Norbert Klein: Moderator, Peter Springborn: VdK, Dr. El-Masri: Vorsitzende Hausärztinnen und Hausärzteverband.
In der Podiumsdiskussion wurden Lösungsmöglichkeiten unter Moderation von Norbert Klein mit Vertretern von Haus- und Fachärzteschaft, der Politik und eines Patientenvertreters beleuchtet.
Einigkeit ergab sich in der Feststellung, dass ein „weiter so“ nicht mehr möglich ist und es gemeinsamer Anstrengungen bedarf die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und andererseits die Attraktivität der ambulanten Facharzttätigkeit zu verbessern.
Dr. Markus Strauß




















